Die Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt am Mittwoch, dem 1. Juli 2009, war ein großer Erfolg für alle Beteiligten, für die Teilnehmer wie für die Veranstalter – das Haus der Kulturen selbst, das Zentrum Moderner Orient und der Perlen Verlag. Es kamen rund 150 Zuhörer zu dieser Konferenz, die mit erstklassigen Podiumsgästen eine leidenschaftliche und kontroverse Diskussion bot. Das Publikum selbst erwies sich ebenso als ausgezeichnet informiert und es kam zu einem spannenden Dialog zwischen den Zuhörern und dem Podium.
V.l.n.r.: Sonja Hegasy (Islamwissenschaftlerin, ZMO), Vincent von Wroblewsky (Philosoph, Übersetzer), Jörg Lau (Journalist, DIE ZEIT, Moderator), Gudrun Krämer (Islamwissenschaftlerin, Freie Universität), Stefan Weidner (Islamwissenschaftler, Übersetzer, Redakteur der Zeitschrift Fikrun wa Fann/Art & Thought)
Hier eine Bericht von dieser Veranstaltung und zugleich eine neue Besprechung des Buches, erschienen im Tagesspiegel:
Erhebe stolz dein Haupt zum Denken
Im Nu zersplitterte die Runde, zu der auch Al Jabris deutscher Übersetzer Vincent von Wroblewsky und die Islamwissenschaftlerin Sonja Hegasy gehörten, in die Fraktion der Universalisten und in diejenige, die Respekt vor der kulturellen Differenz forderte. Auch im Publikum ging es hoch her. Ich habe zwei Jahre lang in Rabat bei Al Jabri im Seminar gesessen und nie einen nationalistischen Zungenschlag gehört, sagte ein junger Marokkaner. Und ein Iraker stand auf und schimpfte: Al Jabri hat jahrelang Saddam Hussein unterstützt, von einer Arabisierung der Kurden gesprochen und im Gegenzug sein Forschungszentrum von Hussein finanzieren lassen.
Was immer davon stimmt: Der auch im Westen vielfach preisgekrönte Al Jabri, der zugleich Auszeichnungen wie den Gaddafi-Menschenrechtspreis abgelehnt haben soll, ist eine kontroverse Figur. Es versteht sich von selbst, dass man ihn politisch als Produkt seiner Zeit begreifen muss. Aufgewachsen mit der panarabischen Vision des ägyptischen Präsidenten Nasser, die 1967 im Sechstagekrieg gegen Israel unterzugehen schien, aber mit Parolen wie „Erhebe stolz dein Haupt, mein Bruder!“ bis in dieses Jahrtausend gerettet wurde, ist er nach wie vor ein Linker. Er zählt zu den Gründern der marokkanischen „Union Socialiste des Forces Populaires“ und hat sich trotz seines Rückzugs ins Philosophische immer wieder als öffentlicher Intellektueller geäußert. Seine Website www.aljabriabed.net legt auch mit englischen und französischen Texten davon Zeugnis ab.
Als Philosoph ist er aber so von einem didaktischen Programm beseelt, dass stets mehr als reine Rekonstruktion zur Debatte steht. Insbesondere sollte man nicht so tun, als wäre Al Jabri der Einzige, der die islamische Welt mit dem Licht der Vernunft erhellen wollte. Anke von Kügelgen diskutiert in ihrer Studie „Averroes und die arabische Moderne“ fünf weitere prominente Denker, die seit den sechziger Jahren mit unterschiedlichen Akzenten das rationalistische Erbe des Islam neu beleben wollen – und auch sie sind nur Beispiele für den Aufbruch in ein wissenschaftliches Zeitalter, dem die Politik immer wieder Einhalt gebietet.
Al Jabris „Kritik der arabischen Vernunft“ erreicht Deutschland mit einem Vierteljahrhundert Verspätung. Das liegt auch am Autor selbst, dem zunächst an einem innerarabischen Diskurs gelegen war, der sich dann bis nach Teheran und Istanbul ausdehnte. Das Buch kommt aber auch zur rechten Zeit: Wer hierzulande hätte sich vor zehn Jahren mit dem Islam auseinandergesetzt? Man muss den Alltag von Koranschulen vor Augen haben, wo Kindern, die womöglich kein Wort Arabisch sprechen und in keiner anderen Disziplin unterrichtet werden, der Wortlaut des Koran eingetrichtert wird – und sie von den Inhalten nichts begreifen.
Sie befinden sich sogar noch unterhalb der drei Erkenntnisordnungen, die Al Jabri als Muster der arabischen Vernunft ausmacht: bayan, die Befragung eines feststehenden Textkorpus, der aus juristischen, grammatischen, rhetorischen und theologischen Schriften besteht – und immer wieder die Richtschnur des göttlichen Wortes sucht. Irfan, der gnostische Zugang, wie er sich im Sufismus offenbart, den Al Jabri ablehnt. Und burhan, jene von den beiden anderen Ordnungen frühzeitig aufgezehrte Kunst der logischen Beweisführung, die so etwas wie Wissenschaft erst möglich macht.
Die Stärkung dieser dritten Ordnung liegt für ihn in der Fähigkeit, als Leser zu Texten in kritische Distanz zu treten, statt sich von ihrer Autorität verschlucken zu lassen. Dafür argumentiert er mit einer scholastischen Finesse, die auf verblüffende Weise am anderen Ende von Jürgen Habermas’ Versuch steht, in einer restlos säkularisierten Welt auf ein dogmatisch- rituell entkerntes Christentum zurückzugreifen. Al Jabri zu lesen heißt aber auch, einem intellektuellen Wurzelwerk zu begegnen, das Europa gerne vergisst. Vor drei Jahren hat Kurt Flasch in seinem Buch über Meister Eckhart „die Geburt der ,Deutschen Mystik’ aus dem Geist der arabischen Philosophie“ geschildert. In Al Jabris Texten wird dieser Geist lebendig – erstmals auch für deutsche Leser.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 03.07.2009)

Juli 19, 2009 um 11:59 am |
Gibt es vielleicht einen Mitschnitt von der Veranstaltung?